Sommerakademie 2026
Masterclasses / Workshops / Vorträge
Donnerstag – Freitag
DIE MASTERCLASSES (jeweils 1 Tag, Donnerstag oder Freitag)
Masterclass 1 (D)
„Vom Navigieren beim Driften“* in der systemorientierten Theatertherapie:
Den Verbindungen zwischen dem kollektiven und dem persönlichen Unbewussten auf die Spur kommen (und was das mit dem Klimawandel und vielleicht sogar mit den Göttern zu tun hat …)
Ingrid Lutz
Wenn wir uns das kollektive Unbewusste als ein Meer und das persönliche Unbewusste als eine darin entstehende Welle vorstellen, wird deutlich, wie begrenzt ein therapeutisches Handeln ist, das auf das Individuum fokussiert ist. Ziel dieses Workshops ist es, eine grundlegende Veränderung unserer Perspektive auf Therapie anzuregen und konkrete Tools an die Hand zu geben, um auf diesem ‚Meer‘ zu navigieren.
Wir sehen den Klimawandel nicht nur als ökologische Krise, sondern auch als Symptom einer tiefgreifenden Entfremdung: von uns selbst, unserem Körper und unserer Einbettung in größere Zusammenhänge. Die gleiche Entfremdung könnte vielleicht auch die Wurzel vieler psychischer Symptome sein. Eine neue Verbindung zwischen kollektivem und persönlichem Unbewusstem herzustellen, ist hier der Schlüssel!
Wichtig dabei ist ein Verständnis des familiären Unbewussten als entscheidende Verbindung, über die kollektive Narrative unsere persönliche Identität formen oder ‘konstruieren‘, sowie die Einbettung in transpersonale Zusammenhänge (transpersonal = über das Persönliche hinausgehend).
Nur wenn wir diese transpersonalen Verbindungen, die ‚Götter‘ reaktivieren und unsere individuelle Geschichte wieder an die in Mythen gesammelte universelle Menschheitserfahrung anschließen, können wir unserem persönlichen Leben und auch unserem therapeutischen Handeln einen tieferen Sinnzusammenhang geben.
Ganz praktisch werden wir im Workshop unser gesammeltes theatertherapeutisches Reservoir nutzen: mithilfe von Systeminszenierungen werden wir diese Verbindungen beleuchten und mit indigenen Mythen arbeiten. Diese erzählen in vielfältigster Form von der Notwendigkeit, Grenzen zu überschreiten, familiäre und kollektive Regeln zu brechen und durch Chaos Neues zu schaffen!
(* Buchtitel von Fritz B. Simon und Gunthard Weber, 2017)
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Masterclass 2 (E)
Dramatic Resonances –
Die Lebenskräfte in synchrones Gruppenspiel bringen
Prof. Susana Pendzik, PhD, RDT
Das Wort „Resonanz” (abgeleitet vom lateinischen resonantia) bezeichnet ein „Echo” – einen Klang, der erneut wahrgenommen wird (resoniert). Resonanz wird im Allgemeinen mit synchronen Phänomenen in Verbindung gebracht; im Bereich der Psychotherapie steht sie im Einklang mit Konzepten wie „verkörperte Empathie”, „Affektabstimmung” und „emotionale Synchronität”.
Die dramatische Realität kann als potenzieller Resonator betrachtet werden: Wenn die Inhalte, die Menschen in eine Therapiesitzung einbringen, auf organische Weise diesen Bereich erreichen, wird ein subtiler Prozess der Schwingung, Destabilisierung, Reorganisation und Transformation alter Muster in Gang gesetzt: So fühlt es sich an, wenn konkrete Manifestationen der menschlichen Vorstellungskraft im gegenwärtigen Moment in der Psyche nachhallen.
Dramatic Resonances ist ein theatertherapeutischer Ansatz, der auf der verwandelnden Kraft der dramatischen Realität basiert und ihrer Fähigkeit, Resonanzen in der menschlichen Psyche zu erzeugen. Der Ansatz basiert auf den kreativen, intuitiven Reaktionen der Gruppenmitglieder und/oder der:s Therapeut:in auf einen ihnen präsentierten „Input”. Der Input kann eine persönliche Erfahrung, ein Thema, eine Erinnerung oder ein Traum sein und von einem:r Teilnehmenden oder Klient:in eingebracht werden oder aber einer anderen Quelle (wie ein Mythos, eine Geschichte oder ein literarischer Text), die als therapeutische Intervention eingeführt wird. Der Ansatz kombiniert Elemente aus verschiedenen Bereichen, darunter das schamanische Paradigma, Playback-Theater, Achtsamkeit, Dekonstruktionstheorie und Intersubjektivität.
Dieser Workshop zeigt den Einsatz von Dramatic Resonances in der Gruppenarbeit. Die Teil-nehmenden werden den Ansatz erleben, persönliche und nicht-persönliche Erzählungen erkunden und mögliche Anwendungen der Technik als Intervention in Therapie, Supervision und Lehre kennen lernen.
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Masterclass 3 (E)
Verkörperte Ästhetik in der Theatertherapie
Salvo Pitruzzella
Diese Masterclass zielt darauf ab, eine eingehende Untersuchung der Theatertherapie aus der Perspektive der verkörperten Ästhetik zu bieten und die Teilnehmenden dazu einzuladen, Theatertherapie nicht nur als therapeutische Methode, sondern als reichhaltige ästhetische Erfahrung an sich zu betrachten. Wir werden mit einer kritischen Untersuchung des Konzepts der Ästhetik beginnen, die über die konventionelle Verbindung mit der Wertschätzung oder Beurteilung von Schönheit hinausgeht, Ästhetik als eine wichtige Form verkörperten Wissens neu definierend, die untrennbar mit der menschlichen Natur verbunden ist. Auf dieser Grundlage wird die Diskussion auf die Bedeutung ästhetischer Erfahrungen für die menschliche Entwicklung ausgeweitet, wobei Ellen Dissanayakes Erkenntnisse über die ästhetischen Qualitäten herangezogen werden, die frühen menschlichen Interaktionen innewohnen und zur emotionalen Entwicklung und sozialen Bindung beitragen, sowie aktuelle neurowissenschaftliche Forschungen, die die neuronalen Mechanismen hervorheben, die sowohl der ästhetischen Wertschätzung als auch der Empathie zugrunde liegen, und auf eine tiefgreifende Verflechtung zwischen künstlerischem Engagement und Beziehungsfähigkeiten hinweisen. Die Masterclass konzentriert sich dann auf die Rolle des Körpers im dramatischen Prozess und übernimmt dabei einen nicht-dualistischen Rahmen, der von der Philosophie Baruch Spinozas inspiriert ist.
Diese Perspektive stellt die traditionelle Trennung von Geist und Körper in Frage und betont die Einheit von körperlichen und geistigen Prozessen bei kreativem Ausdruck und therapeutischer Transformation. Im Erfahrungsteil werden wir einige grundlegende Improvisationsformate eingehend untersuchen, in denen ein fantasievoller Rahmen uns ermöglicht, auf neue und manchmal ungewöhnliche Weise mit unserem Körper zu experimentieren, und wir werden diese Formen weiterentwickeln, indem wir mit ihren ‚Formen der Vitalität‘ spielen. Beim Teilen der individuellen Resonanzen der Erfahrung miteinander werden wir Metaphern der zweiten Ebene schaffen, die neue Bedeutungsdimensionen eröffnen, die wiederum mit dem Körper erforscht werden. Schließlich wird die Reise mit einem Lied gefeiert.
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Masterclass 4 (D)
Eigene Bühne im System
Theatertherapeutische Haltung, Identität und Wirksamkeit im klinischen Setting
Bettina Stoltenhoff-Erdmann
Theatertherapeut:innen arbeiten im klinischen Setting in komplexen, multiprofessionellen Systemen. Unterschiedliche therapeutische Schulen, institutionelle Rahmenbedingungen, Hierarchien und implizite Rollenerwartungen prägen den Arbeitsalltag und stellen theatertherapeutische Haltungen und Methoden immer wieder auf die Probe.
Dabei kann ein Spannungsfeld entstehen: zwischen Anpassung und Eigenständigkeit, dem Wunsch, sich in bestehende Strukturen einzufügen und dem Bedürfnis, die eigene theatertherapeutische Identität sichtbar, wirksam und selbstbewusst zu vertreten.
Dieser Workshop setzt genau hier an und richtet den Fokus auf Haltung, Selbstbewusstsein und Gestaltungswillen im System. Durch szenische Explorationen machen wir Machtverhältnisse, Rollenbilder und innere Anpassungsbewegungen sichtbar und verhandelbar. Mit theater-therapeutischen, wie szenischen und projektiven Methoden erforschen wir, wie eine klare theatertherapeutische Identität entwickelt, verkörpert und im klinischen Alltag gehalten werden kann. Dabei entsteht Raum, um eigene Grenzen zu klären und Spielräume neu zu definieren. Ebenso Möglichkeiten und Verbindungen im System aus anderer Perspektive zu betrachten. Unsere theatertherapeutische Kompetenz eröffnet auch spezifische Möglichkeiten, verbinden-de Prozesse im Team zu unterstützen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der ressourcenorientierten theatertherapeutischen Haltung, die geprägt ist von dem Wissen der Heilkräfte in unserem Medium. In einem häufig defizit- und symptomorientierten klinischen Kontext stellt diese Haltung eine bewusste fachliche Positionierung dar: Sie richtet den Blick auf Fähigkeiten, Kreativität, Selbstwirksamkeit und Handlungsspielräume der Patient:innen – und damit auch auf die eigene therapeutische Wirksamkeit.
Im Zentrum steht die Frage, wie Theatertherapeut:innen ihre Arbeit nicht nur trotz, sondern im Spannungsfeld klinischer Strukturen sinnstiftend und wirksam gestalten können. Wie können wir unsere theatertherapeutischen Haltungen und Methoden aus einer inneren Selbstverständ-lichkeit heraus vertreten und passende Rahmenbedingungen für unsere Arbeit schaffen? Um so langfristig mit Energie und Freude Patient:innen in ihren Entwicklungsschritten zu begleiten.
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DIE WORKSHOPS (2-tägig, Donnerstag und Freitag)
Workshop 1 (D)
Die Kraft erzählter Geschichten
Verbindungslinien zwischen Theatertherapeutischer Praxis und Playbacktheater
Henk Göbel
Playbacktheater, das auf Jo Salas und Jonathan Fox zurückgeht, ist eine Form des Improvisationstheaters bzw. des interaktiven Theaters, das die Tradition des Geschichten-Erzählens aufnimmt: Die Zuschauenden berichten über persönliche Erfahrungen oder erzählen Begebenheiten aus ihrem Leben, die von den Spieler:innen/Musiker:innen in Szene gesetzt und zurückgespielt werden.
Damit lebt es vom Zusammenspiel persönlicher Geschichten einzelner Zuschauer:innen, den verkörperten Echos der Spieler:innen darauf und den Resonanzen im Publikum. Diese Form des Improvisationstheaters öffnet einen Raum, in dem Menschen von sich berichten können – von Schwerem und Leichtem, von Bewegendem oder Haltendem. Das sensible Hören der Erzählungen durch die Spieler:innen/Musiker:innen erzeugt ein (oder mehrere) Echo(s) in ihnen. Erprobte Spielformen bilden das Gefäß, in dem die Echos in Szene gesetzt und „zurückgespielt“ werden (play back).
Das bewusste Wahrnehmen der Echos und deren Verkörperung ermöglichen andere Perspektiven und/oder ein tieferes Verständnis der Geschichten, sowohl für die Erzählenden, die Zuschauenden als auch die Spielenden.
In dem Workshop werden wir uns mit verschiedenen Ebenen der Echos der Geschichten im Playbacktheater beschäftigen, uns dem Erzählen und Hören mit (möglichst) vielen Sinnen widmen und einige grundlegende, einfache Formen des Playbacktheaters ausprobieren.
Des weiteren werden wir uns bestehende und mögliche Verbindungslinien zwischen Playbacktheater und theatertherapeutischer Praxis anschauen.
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Workshop 2 (E)
Spielfreude in Spannungsräumen: Lebensenergien wecken in Theatertherapie
Dr. Amani Mussa
Dieser Workshop untersucht Spielfreude als wichtige Lebenskraft in der Theatertherapie – eine Haltung und ein therapeutisches Werkzeug, das Bewegung, Fantasie und Spontaneität in Räume bringt, die sich angespannt, festgefahren oder verstummt anfühlen können. Durch praktische Übungen mit Playback-Theater entdecken die Teilnehmenden, wie improvisiertes Zuhören, verkörperte Resonanzen und storybasiertes Spiel einen universellen und zugänglichen Rahmen für therapeutische Erkundungen schaffen.
Aufbauend auf Robert Landys Rollentheorie wird der Workshop die Erweiterung des Rollenrepertoires als Weg zu emotionaler Flexibilität und neuer Lebendigkeit hervorheben. Spielfreude wird nicht nur als Werkzeug dargestellt, sondern als innere Orientierung, die den Wechsel zwischen Rollen ermöglicht, symbolische Distanz schafft und Raum für Neugier und kreative Möglichkeiten eröffnet.
Während der Schwerpunkt auf Spiel und Lebendigkeit liegt, wird der Workshop ein sanftes Bewusstsein für kulturelle Sensibilität und die subtilen Spannungen wahren, die bei Begegnungen mit Unterschieden entstehen und dabei anerkennen, dass Spielfreude auf natürliche Weise Barrieren abbaut und Verbindungen fördert.
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Workshop 3 (E)
Kleine Theaterstücke über wichtige Dinge gestalten
Dr. Anna Seymour
Dieser Workshop widmet sich der Erstellung kurzer Theaterstücke, die uns wichtige Dinge zum Ausdruck bringen sollen. Er bietet die Möglichkeit, mithilfe des Theaters Dinge zu artikulieren, die in anderen Kontexten schwer zu sagen sind.
Ein wesentlicher Teil des Workshops besteht darin, zu den Grundlagen des Theatermachens zurückzukehren mit der Aufmerksamkeit auf seine Besonderheiten wie Präsenz, Kulisse, Raumnutzung und der Verbindung zum Publikum. Dies basiert auf der Überzeugung, dass wir durch die Beachtung ästhetischer Details das therapeutische Potenzial des Theatermachens vertiefen können.
Anna Seymour, die den Workshop leitet, bringt umfangreiche Berufserfahrung aus verschiedenen Bereichen mit, vom Schauspiel über die Konzeption und Regie von Theaterstücken bis hin zur Ausbildung und Begleitung in Kontexten von Theaterpädagogik und Theatertherapie.
Darüber hinaus bringt sie ihre Erfahrung als Adoptivmutter von zwei Kindern mit, die erhebliche Vernachlässigung und häusliche Gewalt erlebt hatten. Die abendlichen Aufführungen von ‚Stücken im Wohnzimmer‘ wurden zu einem fast täglichen Ritual, bei dem wichtige Ge-schichten erzählt und geteilt wurden.
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Workshop 4 (D)
Die innere Bühne der Therapeutin
Ko-Regulation, Spielpartnerschaft und das Spannungsfeld von Öffnung und Zumutung
Aylien Yanik
Was geschieht im Moment therapeutischer Begegnung – wenn Blicke sich treffen, Körper mitschwingen und Stille Bedeutung bekommt? Dieser Workshop lädt ein, die innere Bühne der:s Therapeut:in zu betreten: jenen pulsierenden Erfahrungsraum, in dem therapeutische Prozesse entstehen, stocken oder sich entfalten.
Aus polyvagaltheoretischer Perspektive erforschen wir, wie unsere innere Verfassung – die Qualität unserer Präsenz, unser Nervensystem und unsere oft unbewussten Signale – darüber mitentscheidet, ob sich das Gegenüber öffnen kann. Ob Spiel möglich wird. Ob Risiko gewagt werden darf.
In szenischen und körperbasierten Übungen verlassen wir bewusst die Position und Rolle der steuernden Expert:innen und betreten das Terrain echter Spielpartnerschaft und Ko-Regulation. Wie verändert sich der Prozess, wenn meine innere Unsicherheit plötzlich im Raum steht? Wenn Mitgefühl kippt? Wenn ein gut gemeinter Handlungsimpuls das Gegenüber einfrieren lässt?
Wir untersuchen jene elektrisierenden Momente zwischen Schutz und Zumutung – die schmale Schwelle, an der therapeutische Entwicklung geschieht. Wann lädt Öffnung zu Lebendigkeit ein? Und wann verwandelt sie sich in eine subtile Form von Überforderung?
Im Zentrum stehen Fragen wie:
– Wie verkörpere ich Sicherheit, während ich zugleich herausfordere?
– Wie halte ich Spannung aus, ohne sie vorschnell zu entladen?
– Wie bleibe ich Spielpartner:in und trage dennoch Verantwortung?
Dieser Workshop richtet sich an Praktiker:innen, die ihre eigene Präsenz als wesentliches therapeutisches Instrument erforschen möchten – mit Neugier, Reflexionsbereitschaft und der Bereitschaft, auch Ungewissheit und Stolpern als Teil professioneller Kunstfertigkeit zu begreifen.
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Samstag
- Eindrücke aus den Workshops und Masterclasses
- Vorträge unserer internationalen Gäste
- Podiumsdiskussion
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Hinweis:
Manche Workshops werden auf Englisch gehalten, manche auf Deutsch – sie sind entsprechend gekennzeichnet (E) / (D), es gibt aber in jedem Workshop Teilnehmerende, die bei Bedarf ein wenig übersetzend unterstützen können (fürs Verständnis und damit alle, die möchten, sich selbst auf Deutsch ausdrücken können).