Sommerakademie 2023

Beschreibungen der Workshops am Do/Fr

 

Workshop 1 (E)
Körper als System und Teil von Systemen
Moving thought! Wie körperliche Prozesse die Welt(en) organisieren!
Trude Cone & Fabian Chyle

Dieser Workshop untersucht, wie früh erlernte und eingeschriebene Bewegungsmuster als Grundlage dienen, um sich in der Welt zu organisieren, kreative Prozesse zu gestalten und eigene Ideen umsetzen zu können. Das Bewegen und Wiederbeleben dieser frühen Choreografien ermöglicht im gemeinsamen Bewegen individuelle Potenziale zu erschließen, Gleichgewicht in Bewegung zu finden, Teilnahme zu fördern und kollektives Wachstum zu ermöglichen.
Das langfristige Ziel ist es, dieses Bewegungswissen einzusetzen,  um Situationen und Umgebungen für individuelles und kollektives Wachstum zu schaffen, Übergänge und Transformationen zu meistern und immer mehr Verantwortung an den komplexen Herausforderungen des Kollektivs zu übernehmen. Im letzten Teil des Workshops werden verschiedene Ideen zu Gruppenentwicklung, kreativen Prozessen und choreo-therapeutischen Strategien auf der Grundlage von frühkindlichen Entwicklungsmustern erforscht.

 

Workshop 2 (D)
Der individuelle Körper
Subjektive Körperlichkeit und erfahrbare Anatomie basierend auf Body-Mind Centering® erleben
Helena Nicolao

Body-Mind Centering® ist eine Körperarbeits- und Bewegungsmethode des somatischen Lernens. Der Kern der Arbeit liegt darin, dass jeder Körperzelle ein Bewusstsein und eine ihr innewohnende Intelligenz zugeschrieben wird. Das Ziel der Arbeit ist, die Körpersysteme und Entwicklungsbewegungen in ihrem gegenseitigen Zusammenwirken zu verkörpern (Embodiment).
BMC® vermittelt auf erfahrbare Weise die anatomischen und physiologischen Zusammenhänge der einzelnen Körpersysteme (Skelett, Muskulatur, Innere Organe, Bänder, Faszien, Nervensystem, Flüssigkeiten, endokrine Drüsen), die Prozesse der embryonalen Entwicklung und die Sequenzen der frühkindlichen Bewegungsentwicklung. Dabei steht das detaillierte Erforschen der Bewegung und die Frage, wie der mind über die Bewegung seinen Ausdruck findet, im Zentrum (mind: Bewusstsein, Gefühle, Gedanken, Empfindungen).
An diesen Tagen steht die dynamische Verbindung zwischen den Skelettstrukturen und den inneren Organen im Mittelpunkt. Wir erleben ein bewegtes Zusammenspiel von Stabilität und Mobilität und wie sich ein gefühltes Volumen räumlich ausdrückt. Von der Erkundung des Achsenskeletts ausgehend beleuchten wir die Entwicklung unserer Mittellinie. Wir erforschen die weichen Gewebe des Verdauungskanals und des Zentralen Nervensystems und reisen ganz an den embryonalen Ursprung unserer aller ersten Mittelline, der Chorda Dorsalis.
Wir sensibilisieren die Selbstwahrnehmung der eigenen Körperlichkeit und die Beobachtung und Erfahrung des subjektiv erlebten Körpers. Dabei arbeiten wir mit anatomischen Bildern und Somatisation, mit Berührungsübungen (Partnerarbeit) und Bewegungsexperimenten, um die Körpersysteme in ihren einzigartigen Qualitäten zu erforschen. Wir werden uns der persönlichen Ausdrucksqualitäten bewusst und werden uns gewahr, welche eher im Vordergrund oder im Schatten sind. Der Prozess wird von einem verbalen Austausch in der Gruppe begleitet.

 

Workshop 3 (D)
Körper und Trauma
Trauma und Ressourcen im Spiel TRiS
Karl-Klaus Madert & Angelika Schretter

Die zentralen Elemente der Psychodynamik von Trauma sind: Extremstress, Körperreaktion, Beschädigung des Selbstkonzeptes und die dann folgende Traumakompensation. Dabei identifiziert sich die Person mit einer Rolle, Maske, Persona (C. G. Jung) oder einem Charakterpanzer (W. Reich), hinter der sie das Trauma verbirgt. Das dient der Alltagsbewältigung. Identifikation mit den intellektuellen und imaginativen Fähigkeiten der Persona ist eine elegante, verführerische Art, sich von Trauma-Gefühlen abzuspalten. Wird ein Traumakomplex getriggert oder der Charakterpanzer körperlich-seelisch unter Stress gesetzt, kann die Alltagsrolle kollabieren; und der Schattenbereich mit seiner verkörperten Trauma-Verfasstheit dominiert in Form eines Trauma-States und bestimmt vorbewusst und unbewusst Wahrnehmung, Körpergefühl, Welterleben und Handlung. 
Im Spiel mit Körper und Ausdruck können sehr leicht traumatische Erinnerungen getriggert und reinszeniert werden. Das bedeutet große Chance zur Veränderung, aber auch zur Retraumatisierung durch Unterlaufen der Abwehr. Um Retraumatisierung in der Therapie zu vermeiden, gilt es deshalb, sorgfältig den Stress-Level zu modulieren.
Dazu braucht es Ressourcenaktivierung und Containment in der therapeutischen Beziehung auf der Basis einer stabilen Selbstreferenz bei der Therapeutin. Ressourcenaktivierung, ob einzeln oder in der Gruppe, am besten spielerisch, läuft immer über den Körper.
In unserem Workshop schlagen wir eine Brücke von den neurobiologischen Grundlagen der Traumatherapie zu ressourcenaktivierenden und Containment stärkenden bioenergetischen Übungen.

 

Workshop 4 (D)
Körper und Theater
Körper – Innen – Außen – Form
Klaus Möller

Das Theater ist der Zustand, der Ort, die Stelle, wo die menschliche Anatomie begriffen und durch diese das Leben geheilt und regiert werden kann!“  (Artaud, A., Schluss mit dem Gottesgericht. Das Theater der Grausamkeit: Letzte Schriften zum Theater. Berlin 1988.)

Wenn ich übe, mich in meine grundlegende Struktur, das Innere, zu sammeln, zu konzentrieren, wird die Erscheinung, der äußere Ausdruck, die Form, wie von selbst hervortreten.
Zugang zur Körperstruktur, dem Skelett unseres Körpergerüstes und seiner Ordnung oder Unordnung verschafft mir die Empfindungsfähigkeit, die Spürsamkeit.
Dabei hilft es, sich von der Bewegung des Atems und dem wachsenden Bewusstsein für die Statik des Körpers leiten zu lassen.
Diese Aufmerksamkeit wird mich durch die Erfahrungen von Gleichgewicht und Ungleichgewicht, Energiefluss und Energiestau, Wohlspannung und Überspannung in der körperlichen Aktion hindurchführen und möglicherweise ermutigen, mich mit all dem, was auftaucht, zu zeigen.

Wir werden herrlich aus Wunsch nach Freiheit.
Der Körper dehnt sich,
Dieses Zerrende nach geahnten Formen
Gibt ihm Überspannung.
Schwere Hüften schauern sich zu langem Wuchse.
Im Straffen beben wir vor innerem Gefühl —
Wir sind so schön im Sehnen, dass wir sterben könnten
(Henriette Hardenberg, 1913.)

 

Workshop 5 (D)
Körper und Stimme
Embodiment der Stimme als Praxis des Hörens
Ralf Peters

In diesem Workshop wird es darum gehen, die vielfältigen Beziehungen von Stimme und Körper praktisch zu erkunden. Ohne Körper keine Stimme, aber die Stimme ist mehr als ein rein körperliches Phänomen. Körper bewirkt Stimme und wirkt auf sie ein und zugleich wirkt die Stimme auf den Körper. Auf Grundlage eines Praxis-Programms für die ganze Stimme werden wir verschiedene Aspekte dieses Beziehungsgeflechts unter die Lupe und das Hörrohr nehmen. Die Leitfrage lautet: Wie können sich Stimme und Körper gegenseitig darin unterstützen, lebendig zu sein und zu werden? Die allgemeinen Antworten, die es darauf geben mag, sind nur dann hilfreich, wenn es gelingt, sie auf die individuellen Gegebenheiten anzuwenden. Dazu ist es gut zu hören! Hören auf die eigene Stimme und den eigenen Körper, aber auch hören auf die Stimmen anderer öffnet das Feld, auf dem sich Stimme und Körper gemeinsam bewegen.

 

Workshop 6 (E)
Der kollektive Körper
Communal Soundings – Theater, Gemeinschaft, Heilung
Ryszard Nieoczym

Soundings ist ein nautischer Begriff (to sound = Tiefe ausloten, bedeutet gleichzeitig auch ‚tönen‘), der verwendet wird, um die Tiefe von Bildern in der Sprache und im menschlichen Körper in Aktion und Stille zu erforschen; insbesondere, um die Tiefe von Bildern in den Energiezentren des menschlichen Körpers zu entdecken und die archetypischen Tiefen des mysteriösen Unbewussten, das James Hillman die Unterwelt nennt.
‚Communal Soundings in the Healing Arts‘ ist ein Programm, das darauf abzielt, ein tieferes praktisches Verständnis und Wissen darüber zu fördern, wie das Theater als Vehikel genutzt werden kann, um die Möglichkeiten der Selbstheilung als eine direkte und nicht nur theoretische Erfahrung zu erkunden. Wir arbeiten / spielen mit einem grundlegenden Axiom, aus dem alles andere folgt:

  • Jede Heilung ist Selbstheilung.
  • Heilung geschieht immer in einem gemeinschaftlichen Kontext.

Was verstehen wir unter Heilung? Heilung bedeutet nicht nur, sich selbst von einer Krankheit zu heilen; in der Antike wurde Heilung von Therapeut*innen [vom griechischen theripea] oder Pflegenden durchgeführt, deren Hauptaufgabe darin bestand, den Heilungsbedürftigen zu helfen, das Gleichgewicht zwischen Psyche [Seele] und Körper zu finden. Ein Großteil des Leids unseres heutigen Lebens rührt von einer Disharmonie und einer Fragmentierung verschiedener Anteile des Körpers, einem Verlust der Verbindung mit den vitalen Energiequellen und der Nichtanerkennung einer tief sitzenden Angst vor dem Körper her.
Der Heilungsprozess beginnt mit der Anerkennung der organischen Bedürfnisse des Körpers.
Der Heilungsprozess braucht einen gemeinschaftlichen Kontext mit anderen, um gemeinsame Erfahrungen zu suchen und zu teilen; Heilung kann nicht isoliert von der Gemeinschaft stattfinden. Im Arbeits-/Spielprozess schaffen wir durch unsere direkten Erfahrungen in der Gruppe eine Communitas, ein gemeinsames Teilen. Keine Heilung geschieht allein!

 

Workshop 7 (E)
Körper und Performanz
Embodied Cognition, Live Action und Rollenspiel
Saša Asentić & Alexandre Achour

Live Action Role Playing Games (LARP) sind Rollenspiele, bei denen die Teilnehmenden Szenarien durchspielen. Je nach Auswahl der Szenarien, die das Spiel strukturieren, der verkörperten Rollen sowie der gesetzten Ziele können LARPs als Mikrobühne für den Entwurf unterschiedlicher Welten und die Untersuchung sozialer Beziehungen dienen. Die zentrale Frage in diesem Workshop lautet: Wie können wir durch Tanz und Spiel eine kritische Auseinandersetzung mit Unterdrückungsmechanismen in unserer Gesellschaft aufzeigen, zeitgenössischen Tanz als Beispiel nutzend, d. h. als Feld sozialer und kreativer Interaktionen?
In diesem Workshop werden LARP-Methoden mit Choreografie-, Tanz- und Körperpraktiken verknüpft und damit performative und diskursive Rahmen geschaffen, um sich mit hegemonialen Strukturen im zeitgenössischen Tanz auseinanderzusetzen und deren Auswirkungen auf Körper und Geist von Teilnehmenden sowohl als Künstler*innen als auch als Bürger*innen zu verstehen.

 

Workshop 8 (E)
Körper und Identität
(Em)bodied Play – (Ver)körpertes Spiel
Britton Williams

Körper enthalten ein reiches Netz komplexer – und gar widersprüchlicher – Erfahrungen und Identitätsausdrücke. Mit Fokus auf verkörperte Prozesse der Theatertherapie werden wir die komplexen (Zwischen-)Spiele untersuchen, wie intersektionale Identitäten im Körper gehalten und ausgedrückt werden und wie sie die Annahmen/Erwartungen/Glaubenssätze beeinflussen, die den Körpern von sich selbst und anderen zugeschrieben werden.
Wir werden in diesem Workshop ein umfassendes Verständnis von Körper annehmen, das den physischen Körper, Wissenskörper, Materie und Materialien sowie Gruppen von Menschen einschließt. Wir werden eine Reihe von Möglichkeiten erforschen, wie Körper Identität performen und untersuchen, wie/warum einige dieser Performances als Mittel zum Überleben, zur Unterstützung und/oder zur Nachhaltigkeit existieren. Mithilfe von ‚creative inquiry’ werden wir uns mit einer Reihe von Fragen beschäftigen, darunter: Wie beeinflussen externe Botschaften die Wahrnehmungen des eigenen Körpers und der eigenen Identität, und wie formen sie Annahmen/Erwartungen über die Körper und Identitäten anderer? Wie gestalten und formen intersektionale Identitäten unsere Körper und die Arten und Weisen, wie wir uns in Räumen bewegen und durch die Welt gehen?

 

Beschreibung des Online-Vortrags (Do, 20 Uhr)

Online-Vortrag (E)
Körper im virtuellen Raum
Körper in der Krise: Untersuchung, wie der Körper als Werkzeug in der Theater- und Tanztherapie Einblicke in Auswirkungen des Online-Unterrichts bietet.
Linda Mdena Thibedi

Linda erforscht die menschliche Reaktion und Verarbeitung bei der Nutzung von Online-Plattformen zu Unterrichtszwecken. Auslöser für diese Überlegungen war der Ausbruch von COVID-19 im Jahr 2020. Die Forschung konzentriert sich auf den Online-Unterricht während der Pandemie. Als Dozentin und Theatertherapeutin hofft sie, Einblicke in die Erfahrungen anderer Dozent*innen der Theater- und Tanztherapie zu gewinnen, und welche Veränderungen durch den Online-Unterricht ausgelöst wurden. Diese Forschung ist in der Gegenwart angesiedelt, blickt aber auch auf die Vergangenheit und die Zukunft der Lehrerfahrung und erkennt an, dass sich verschiedene Länder in unterschiedlichen Phasen befinden.

 

Resonanzwerkstatt

Die gesamte Tagung wird von einer wandernden Schreib-/ Grafik-/ Resonanzwerkstatt, einem nomadisierenden Soundingboard begleitet – 2 Personen, die adhoc Texte und Illustrationen produzieren, die sie im Haus direkt veröffentlichen – mit der Einladung an alle, darauf in Resonanz zu gehen.
In diesem ortsunabhängigen Schreib- und Grafiklabor können örtliche Impulse individuell aufgegriffen werden und den Resonanzprozess dann individuell initiieren. Die Teilnehmer*innen sind herzlichst eingeladen, selbst intermediale Impulse zu geben, z. B. anhand eines Bildes, eines Satzes/Wortes, einer Farbe, eines Geruchs, …
Im Laufe des Prozesses kann sich der Anfangsimpuls aber auch wieder vollständig verflüchtigen.

 

Hinweis:
Manche Workshops werden auf Englisch gehalten, manche auf Deutsch, sie sind entsprechend gekennzeichnet (E) / (D), es gibt aber in jedem Workshop Teilnehmer*innen, die bei Bedarf ein wenig übersetzend unterstützen können (fürs Verständnis und damit jede*r Teilnehmer*in, die/der möchte, sich selbst auf Deutsch ausdrücken kann).