Beschreibungen der Workshops (Do/Fr) 20192019-04-21T12:31:39+00:00

Sommerakademie 2019

Beschreibungen der Workshops am Do/Fr

 

Workshop 1:
Das polarisierte Theater der Unterdrückten
Chen Alon

In diesem Workshop werden eine Reihe von Werkzeugen vorgestellt für ein „Modell des polarisierten Theaters der Unterdrückten“, das theatrale und soziale Arbeitsprozesse zwischen zwei (tatsächlich oder imaginär) entgegengesetzten Gemeinschaften integriert. Theorie und Praxis eines polarisierten Theaters der Unterdrückten ist für jede polarisierte Gesellschaft oder Gemeinschaft und mit dieser arbeitenden Menschen (Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, Therapeut*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen uvm.) von Bedeutung. Die homogenen Modelle des sozialen Theaters und des Theaters der Unterdrückten hinterfragend, bietet der Workshop alternative Wege des gemeinsamen Denkens und Handelns / Spielens an. Das polarisierte Modell postuliert eine zentrale Bedeutung des Theaters für das Verständnis von Entstehung, Entwicklung und Aufrechterhaltung sozialer Machtverhältnisse zwischen polaren Gruppen  und geht davon aus, dass die Darstellung beider Individuen und ihres „Regenbogens der Identitäten“ die Machtverhältnisse materialisiert und sichtbar macht sowie das transformative Potenzial beider Seiten erhöht.

Der Workshop bietet eine Untersuchung, Dekonstruktion und Rekonstruktion der sozialen Beziehungen als Machtbeziehungen – mittels eines theatralen Prozesses, der die besonderen politischen Verbindungen und den Kontext der jeweiligen Communities berücksichtigt. Es soll das Theaterprozessen und -ereignissen innewohnende Potenzial zur Entwicklung eines Dialogs über Gewaltlosigkeit untersucht und gleichzeitig politisch-aktivistische Bündnisse gebildet werden mit dem Ziel, die Realität zu verändern.

 

Workshop 2:
Mauern öffnen: Maskenarbeit im Strafvollzug
Christian Bohdal

Zu allen Zeiten war und ist die Maske ein Instrument des Zugangs zu anderen Welten. Mit vorhandenen Masken wollen wir uns diesem Phänomen auf spielerische Weise annähern und dabei ergründen, wie Maskenarbeit eine Begegnung mit Menschen ermöglichen kann, die von hohen Mauern und verschlossenen Türen umringt sind. Dabei geht es auch immer um die Frage, wie wir eigene Grenzen überwinden können. Schritte der Figurenentwicklung und therapeutische Spielformen sollen ebenso eine Rolle spielen wie Beispiele aus der praktischen Arbeit im Straf- und Maßregelvollzug.

 

Workshop 3:
Künstlerische Interaktion mit Menschen mit Demenz
Michael Ganß

Das Wesentliche in einer künstlerischen Begleitung von Menschen mit Demenz sind die tiefen Momente, in denen Menschen mit Demenz in eine freie, spielerisch künstlerische Auseinandersetzung eintauchen. Dies sind künstlerischen Momente, die als künstlerischer Raum oder als Dritter Raum bezeichnet werden können. Der künstlerische Raum ermöglicht Menschen mit Demenz, unabhängig ihrer kognitiven Möglichkeiten, eine intensive Auseinandersetzung mit dem Material, wie auch mit Lebensfragen. In der künstlerischen Begleitung von Menschen mit Demenz hat dies eine hohe Relevanz, da hierüber Entwicklungen angestoßen werden können.

Der Workshop bietet den Raum, sich mit Fragen der künstlerischen Begleitung von Menschen mit Demenz auseinanderzusetzen. Wie gelingt es einen feien künstlerischen Interaktionsraum zu gestalten? Woran bildet sich ein künstlerischer Raum in der Begleitung von Menschen mit Demenz? Wie kann in der künstlerischen Begleitung mit den Veränderungen durch den demenziellen Prozess umgegangen werden? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen im Workshop erfolgt in einer reflektierenden praktischen Annäherung.

 

Workshop 4:
Developmental Transformations: Theorie, Methoden und Anwendungen
David Read Johnson

Dieser Workshop wird einen umfassenden Überblick über Developmental Transformations und ihre Anwendungen in klinischen wie sozialen Kontexten geben. DvT ist eine Methode, mit der Menschen einen heilenden Spielraum betreten und erhalten können, der aus spontanem Improvisationsspiel mit anderen besteht. DvT basiert auf einer Haltung, die Menschen ermutigt, ihre Angst vor der Instabilität der Erfahrung zu verringern, statt eine Stabilität anzustreben, was unweigerlich dazu führen würde, das Verhalten anderer Menschen kontrollieren zu wollen. Die Arbeit an der Fähigkeit, inmitten des Tumults des Lebens präsent zu bleiben – der Wesenskern von Improvisation – spiegelt der Geist von DvT wider. Wir werden erforschen, wie dies mit schwerkranken Klienten funktioniert, mit Menschen mit Traumaerfahrungen, mit Schülern oder auf der Straße.

 

Workshop 5:
Anderssein, gemischte Gefühle, inklusive Vielfalt – Umgang mit Menschen mit Behinderungen in der Theatertherapie
Wolfgang Kapp & Martina Hoffmann-Seidel

Tag 1 mit dem Schwerpunkt auf körperlichen Behinderungen: Von einer körperlichen Behinderung betroffen zu sein, stellt Menschen vor besondere Herausforderungen. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit der nicht-behinderten (Um-)Welt: Ihr sichtbares „Anderssein“ weckt in dieser „gemischte“ Gefühle wie Unsicherheit, Mitleid, Bewunderung oder auch (heimliche) Ablehnung. Um als – in der Regel nichtbehinderte – TheatertherapeutIn mit behinderten Menschen zu arbeiten und ihrer spezifischen Situation gerecht zu werden, hilft es uns bewusst zu machen, welche Bilder und Wahrnehmungen von „Behinderung“ UNS prägen und welche (unbewussten) Ressentiments, Bewertungsschemata oder auch Ängste dem zugrunde liegen. Auf Basis dieser vor allem praktischen Erkundung werden wir uns der Frage widmen, welche Schlüsse wir daraus für die konkrete Arbeit mit (körperlich) Behinderten und inklusiven Gruppen ziehen können.

Tag 2 mit dem Schwerpunkt auf geistige Behinderungen: Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung (zum Beispiel dem Down-Syndrom) drücken sich sehr oft nicht oder nur ungern auf der uns vertrauten sprachlich-intellektuellen Ebene aus. Das führt auf unserer Seite zu Missverständnissen und Fehleinschätzungen. Gefühle und Bedürfnisse werden nicht verstanden. Theatertherapeutische Arbeit kann dazu beitragen, jenseits der sprachlich-intellektuellen Ebene zunächst eine Basis des gegenseitigen Verständnisses zu schaffen: Durch in Szene gesetzte Gefühle, Rituale, Alltagswelten, Bilder und bekannte Geschichten. In dem so entstandenen Raum des Erkennens und Vertrauens können dann individuelle Fragen und Probleme mit entsprechend angepassten Methoden aufgegriffen werden.

 

Workshop 6:
Das Ich und die Anderen in der Begegnung
Marion Küster

In diesem Workshop werden Methoden biographischer, gestaltender und Wahrnehmungs-Arbeit untersucht um darüber einen Umgang von gegenseitigem Respekt und Akzeptanz zu üben. Die Würdigung der eigenen Persönlichkeit wird als Voraussetzung einer gelingenden Begegnung betrachtet. 

Zu Beginn wird ein Einblick über die Projektarbeit an den verschiedenen Standorten Brasilien und Togo gegeben. Während sich die Kooperation in Brasilien zunächst auf Arbeit mit mehreren Generationen in einem Dorf bezog, orientiert sich die Zusammenarbeit mit Togo auf Studierende und die Ausgestaltung eines Seminars zu den Grundlagen des Spiels, der Szene und der Gruppenarbeit. An der Universität Lomé wird derzeit ein Masterstudiengang „Theater und Bildung“ aufgebaut, auf den sich die Studierenden mit dem Seminar vorbereiteten. 

So werden in der Werkstatt Übungen des einander Begegnens, die auf einen Umgang der Achtsamkeit orientiert sind, einen Schwerpunkt bilden. Darüber hinaus sollen aus Stoffen „Patuas“ erstellt werden, um darüber in ein „Storytelling“ zu kommen. In der Begegnung mit biographischem Material und Performance sind Schritte der Distanzierung notwendig, damit der private Raum geschützt bleibt und über die Verfremdung auch eine neue Sicht auf die eigene Perspektive entwickelt werden kann. Dieser Prozess soll ebenso betrachtet werden. Die Teilnehmenden sollen Familienfotos (die nicht die eigenen sein müssen) mitbringen.

 

Workshop 7:
Das Nest
Nisha Sajnani

In diesem Workshop werden wir mit Auszügen aus Franz Xaver Kroetz‘ Stück ‚Das Nest‘ arbeiten, um unsere Erfahrung der Räume zwischen Privat und Öffentlich, Persönlich und Sozial, Material und Moral zu untersuchen.

 

Workshop 8:

Mein sicherer Raum in einer unsicheren Umgebung – Theatertherapeutisch basierte Arbeit mit belasteten und traumatisierten Kindern und Jugendlichen
Cathrin Clift

Im Zuge der Ankunft vieler Geflüchteter 2015/2016 entwickelte ein Team des ITT ein theatertherapeutisches Konzept, welches geflüchteten Kindern in der mehr als unsicheren und unberechenbaren Umwelt der Unterkünfte einen sicheren (Spiel)Ort bieten sollte. Die gemeinsamen Stunden wurden von den Kindern begeistert aufgenommen, fast so als hätten sie darauf gewartet und inzwischen sind weitere Projekte gewachsen: die Arbeit mit Willkommens-klassen geflüchteter Jugendlicher, ein mobiles theatertherapeutisches Angebot für Kinder in Brandenburger Frauenhäusern und schulbegleitende theatertherapeutische Einheiten für Grundschüler an einer Brennpunktschule in Berlin-Neukölln.

Das Theatertherapeutische Konzept basiert auf dem BASICPh Modell zu Bewältigungsstrategien in Krisen des israelischen Dramatherapeuten Mooli Lahad und Erkenntnissen der systemischen Traumatherapie mit ihren körperbasierten, weitgehend sprachunabhängigen Methoden und einer spielerischen und künstlerischen Auseinandersetzung mit dem auftauchenden Material.

Bei diesem zweitägigen Workshop sollen die Methoden, Rituale und Regeln dieser stabilisierenden theatertherapeutischen Arbeit konkret erlebbar gemacht werden. Dazu werden wir unsere inneren Kinder suchen und ihnen einen ganz eigenen (Abenteuer-)Spielraum bauen: einen Raum der Heldengeschichten, des ,Nichts-Muss’ aber ‚Alles-Darf’!

Hinweis:
Leider musste Anna Seymour ihren ursprünglich geplanten Workshop „Fesselnde Welten: Stücke nutzen zur Erkundung sozialer Felder“ absagen.